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Schopenhauer-Studienkreis

Der buddhistische Weg zur Erlösung

- Ein Beitrag zur Einführung in die Lehre des Buddha -

Kurzfassung des Vortrages (Nr. 147 der Buddhistischen Gesellschaft Berlin)
von Herbert Becker
am 28. Oktober 1984 im
Buddhistischen Haus , Berlin-Frohnau
(veröffentlicht in
YANA, Heft 4/1984,
Zeitschrift der
Altbuddhistischen Gemeinde in Utting/Ammersee)

Buddha

So sprach der Buddha :

Wie das Meer nur einen Geschmack hat, den des Salzes,
so hat auch diese Lehre nur einen Geschmack: den der Erlösung.

 

Wir leben in einer Zeit, die wohl stärker und nachhaltiger als je zuvor von tiefgreifenden Veränderungen in allen Lebensbereichen bestimmt wird. Vieles von dem, was gestern noch gesicherte Erkenntnis, was allgemein anerkannt war, ist heute schon überholt und vergessen. Deshalb ist die Frage naheliegend: Kann die buddhistische Lehre, die vor mehr als 2500 Jahren in Indien entstand, also zeitlich und räumlich weit von uns entfernt, noch irgendwelche Bedeutung haben für unser Leben hier und heute? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir uns zunächst dem Leben des Buddha und dann seiner Lehre selbst zuwenden.

Das Leben des Buddha war der Weg eines Menschen, der die Wahrheit suchte und sie schließlich fand. Obwohl er als Prinz inmitten von Reichtum sorgsam behütet aufwuchs, lernte er jedoch bei seinen Ausfahrten das Leben von einer anderen Seite kennen. Zuerst traf er einen Greis, dessen Körper von 80 Jahren ausgezehrt war. Dann hörte er einen Kranken, der auf der Straße lag und vor Schmerzen schrie. Schließlich sah er einen Leichenzug, der einen Toten zur Verbrennungsstätte brachte. Er fragte sich: Sind Alter, Krankheit und Tod nicht die wirklichen Kennzeichen des Lebens? Als er dann noch einem Wanderasketen begegnete, der zwar mit zerrissener Kleidung, aber mit heiterem Gesichtsausdruck seine Nahrung erbettelte, begann er zu ahnen, welchen Weg er künftig gehen müsse. Er begriff, daß das Leben Leiden ist und von tiefem Mitleid erfüllt, fühlte er in sich den Ruf, nicht nur sich, sondern alle Wesen vom Leid, ja von der Wiedergeburt in dieser Welt des Leidens zu befreien. Um dieses Ziel zu erreichen, gab er sein bisheriges Leben als Prinz auf und ging als einfacher Pilger auf die Suche nach der Wahrheit.

Er wurde Schüler von den berühmtesten Lehrern seiner Zeit, unterwarf sich härtester Askese - ohne Erfolg. Daraufhin beschloß er, eines Nachts, während er unter einem Feigenbaum saß, nicht eher mit der Meditation aufzuhören, bis er die Wahrheit in sich selbst gefunden hatte. Nachdem er dort mehrere Wochen tiefer und tiefer in der Meditation versunken war, erreichte er endlich den Durchbruch zur Wahrheit, die Erleuchtung. Er erkannte die wahre Ursache allen Leides und fand den Weg, der zur Befreiung von allem Leid führt. Das sind die Vier Edlen Wahrheiten, der Kern der buddhistischen Lehre. Seit diesem Ereignis, das in der buddhistischen Literatur höchst eindrucksvoll beschrieben wird, ist er in der ganzen Welt bekannt als der "Buddha", das heißt der "Erleuchtete".

Jene Erlebnisse, die für den indischen Prinzen so schicksalhaft wurden - Alter, Krankheit und Tod - sind früher oder später auch die Begleiter unseres Lebens. An dieser Tatsache hat sich seit der Zeit des Buddha trotz aller medizinischen Fortschritte im Grunde bis heute nichts geändert. Natürlich gibt es im Leben auch Freude und Glück, aber sie sind - wie alles andere auch - nicht von Dauer, sondern vergänglich und deshalb letztlich mit Leid verbunden. Das bedeutet nicht, daß wir die frohen und glücklichen Stunden unseres Lebens gering schätzen sollten. Aber können wir wirklich unbeschwert froh und glücklich sein, während zur gleichen Zeit andere Wesen - seien es Menschen oder Tiere - leiden, oft sogar furchtbar leiden müssen? Wer seine Augen und Ohren vor seiner Umwelt nicht verschließt, wer sein Herz öffnet für seine Mitmenschen und für unsere Leidensgefährten, die Tiere, der wird auch heute noch unverändert bestätigt finden, was Jakob Böhme vor mehr als 350 Jahren schrieb:

Wenn alle Berge Bücher wären
und alle Seen Tinte
und alle Bäume Schreibfedern,
noch wären es nicht genug,
all den Schmerz in der Welt zu beschreiben.

Leid und Mitleid, durch welches fremdes Leid als eigenes empfunden wird, sind Schlüssel zum Verständnis der Buddha-Lehre. Hierin liegt aber zugleich die Ursache für ein Mißverständnis, das in westlichen Ländern über den Buddhismus immer noch weit verbreitet ist. So hört man nicht selten die Meinung, daß der Buddhismus tief pessimistisch sei und deshalb die Menschen in der Not und Verzweiflung nicht aufrichten, sondern eher niederdrücken würde. Kaum ein Urteil über den Buddhismus kann so falsch sein wie dieses. Denn die Buddha-Lehre beschränkt sich nicht darauf, das Leid in der Welt zu beschreiben. Vielmehr zeigt sie den rettenden Ausweg, den Weg zur endgültigen und vollständigen Befreiung vom Leiden, den jeder aus eigener Kraft beschreiten kann. Er ist der "Edle Achtfache Pfad", die letzte der "Vier Edlen Wahrheiten". Diesen Weg hatte der Buddha nicht nur verkündet, er hatte ihn vorgelebt und dadurch bewiesen, daß das Ziel, die Erlösung, erreichbar ist.

Wer sich ernsthaft bemüht, die Buddha-Lehre zu verstehen und nach ihr zu leben, wird bald spüren, wieviel innere Kraft sie gerade in schwierigen Lebenslagen zu geben vermag. Denn der Buddhismus ist eine Weltreligion mit einer unmittelbar an der Wirklichkeit orientierten Lebenslehre. Der Buddha verglich seine Lehre mit einer "edlen Arznei, die alles Leid und alles Böse heraustreibt". Eine Arznei hilft aber nicht bereits dadurch, daß der Arzt ihre Wirkungsweise erklärt. Man muß sie anwenden. Ebenso ist es mit der Buddha-Lehre. Es reicht nicht aus, lediglich über sie Bücher zu lesen oder Vorträge zu hören. Die Buddha-Lehre kann nur dann heilen, zum höchsten Heil führen, wenn man sie gleichsam wie eine Arznei anwendet, das bedeutet, man muß im Alltag nach ihr leben, also den buddhistischen Weg beschreiten.

Welches ist nun der buddhistische Weg? Im Dhammapada, der ältesten Spruchsammlung mit buddhistischen Weisheiten, heißt es dazu:

Vermeide jede böse Tat,
Vermehre guter Werke Saat,
Beständig läutere den Geist,
Das ist der Weg, den Buddha weist.

In einem anderen buddhistischen Text wird berichtet, daß der Ehrwürdige Ananda, der dem Buddha besonders nahestand, wenige Tage nach dem Tod des Buddha gefragt wurde, was der Buddha am meisten pries. Der Ehrwürdige Ananda antwortete: Die Tugend, die geistige Sammlung und die Weisheit. Tugend, geistige Sammlung oder Meditation und Weisheit - das sind die drei Kennzeichen des buddhistischen Weges.

Hierbei entsprechen die ethischen Regeln im Buddhismus weitgehend denen in anderen Weltreligionen, jedoch mit einigen bedeutsamen Unterschieden. So ist die buddhistische Ethik nicht auf göttlichen Geboten oder Verboten gegründet, sondern sie beruht darauf, daß der Mensch durch eigene Erfahrungen Einsichten in das Gut und Böse seines Handelns gewinnt. Ein anderer Unterschied, der im Alltag des Buddhisten erhebliche Auswirkungen haben kann, besteht darin, daß im Buddhismus alle Lebewesen als gleichberechtigt, wenn auch nicht als gleich hoch entwickelt anerkannt werden. Das Tier ist der Bruder des Menschen, sein Leidensgefährte, dessen Leben zu achten und zu schützen ist. Viele Buddhisten vermeiden es deshalb, Fleisch zu essen und leben vegetarisch.

Dabei geht es nicht um die bloße Einhaltung von formalen Regeln, denn das ethische Verhalten ist im Buddhismus zutiefst geprägt durch eine liebevolle Gesinnung, durch Mitgefühl für alles Lebendige. Metta - dieses Wort aus der indischen Pali-Sprache läßt sich nur unvollkommen mit "Güte" übersetzen. Es ist weit mehr als das - es ist die unermeßliche Güte zu allem Lebendigen, und diese war für den Buddha die höchste der Tugenden. In einem buddhistischen Text heißt es:

Alles, was wir in diesem Leben tun können, um unser künftiges Schicksal zu bessern, verschwindet an Wert neben der Güte, der herzerlösenden. Die Güte, die herzerlösende, nimmt alles andere in sich auf und leuchtet und glänzt und strahlt gleichwie die Sonne, wenn sie am reinen, wolkenlosen Himmel emporsteigt und alles Dunkel vertreibt.

Zwischen unserem ethischen Verhalten und unserer geistigen Einstellung besteht ein enger Zusammenhang und beide beeinflussen sich wechselseitig. Alle unsere willentlichen Aktivitäten, im Buddhismus durch das Sanskritwort Karma bezeichnet, - seien es Gedanken, Worte oder Taten - wirken auf unseren Geist ein, wodurch wir uns gewissermaßen geistig selbst programmieren. Entsprechend dieser geistigen Programme sehen wir die Welt, und so erleben wir auch unser Schicksal. Selbst der Tod bedeutet nicht, daß diese geistigen Programme beendet sind, vielmehr wirken sie über den Tod hinaus. Denn der Lebenstrieb ist eine Kraft, die mit dem Tod nicht erloschen ist, sondern zu weiteren Wiedergeburten führt. Deshalb werden wir auch alles das, was wir durch unseren Willen je an Gutem oder Bösem gesät haben, in diesem Leben oder nach späteren Wiedergeburten ernten. In diesem Sinne sind wir die Erben unserer Taten, und das ist das Gesetz des Karmas. Jedoch kann der Zusammenhang von Karma und Wiedergeburt nicht durch bloßes Nachdenken verstanden oder mit naturwissen- schaftlichen Methoden bewiesen werden, weil dahinter Erkenntnisse stehen, die ausschließlich auf unmittelbaren religiösen Erfahrungen beruhen.

Durch ständiges Bemühen um Tugend, Meditation und Weisheit werden schließlich die geistige Blindheit überwunden und die wahre Ursache allen Leides erkannt. Es ist die Wurzel allen Übels: der blinde Lebenstrieb oder genauer: das Begehren, der unersättliche Drang nach immer neuer Bedürfnisbefriedigung, der sich in Gier, Haß und Verblendung äußert. Erst wenn diese Ursache allen Leides klar erkannt und vollständig beseitigt wird, also wenn das Begehren vollständig erloschen ist, dann erst findet der Wiedergeburtsprozeß sein Ende. Das Ziel, die Befreiung von allem Leid, das Nirwana, ist erreicht. Für den Buddha und für viele andere, die seinen Weg gegangen sind, wurde das Nirwana, dieser Zustand höchsten Heils, eine unumstößliche, von ihnen selbst erlebte Tatsache. Nach diesem Erlebnis konnte der Buddha von sich sagen:

Und ich, der ich selber Geburt, Alter, Krankheit, Tod, Schmerz und Schmutz unterworfen, die davon freie, unvergleichliche Sicherheit, das Nirwana suchte, fand die geburtlose, alterslose, todlose, schmerzlose, schmutzlose, unvergleichliche Sicherheit, das Nirwana. Die klare Gewißheit ging mir nun auf: “Für ewig bin ich erlöst “.

Wie weit und beschwerlich der buddhistische Weg auch sein mag, für alle ist das Tor zur Befreiung geöffnet. So ist der alte buddhistische Wunsch

                      Mögen alle Wesen glücklich sein !

mehr als nur ein Wunsch. Er ist Ausdruck von Zuversicht, von Heilsgewißheit.

 

So sprach der Buddha :

Es gibt ein Nichtgeborenes, Nichtgewordenes,
 Nichtgeschaffenes, Nichtbedingtes.
Deshalb ist ein Ausweg aus dem Geborenen, Gewordenen,
 Geschaffenen, Bedingten zu erkennen.

> Die Vier Edlen Wahrheiten des Buddha

 

Anmerkung der Redaktion
Es sei hier ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die obige Darstellung zunächst nur als eine erste und deshalb sehr vereinfachte Einführung in die Lehre des Buddha für Besucher des > Buddhistischen Hauses in Berlin-Frohnau bestimmt war. Diese hatten zumeist zur buddhistischen Lehre   keine oder nur sehr geringe Vorkenntnisse. Auf vertiefende Ausführungen - wie z. B. zur zentralen, aber schwer verständlichen und kontrovers interpretierten buddhistischen > Anatta-Lehre - musste daher in diesem Zusammenhang verzichtet werden. Wegen des erheblichen Interesses wurde die obige Einführung vom Verfasser mehrmals im Buddhistischen Haus vorgetragen und später für besonders interessierte Besucher mit Vorkenntnissen durch vertiefende, in Einzelheiten gehende Beiträge ergänzt. Auf Wunsch der > Altbuddhistischen Gemeinde wurde dann das Manuskript in der obigen stark verkürzten Fassung in deren Zeitschrift YANA veröffentlicht. Auch hierbei ging es darum, den Lesern möglichst verständlich die ethisch und spirituell sehr anspruchsvolle Lehre des Buddha  näher zu bringen.

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