Schopenhauer und Buddhismus
Schopenhauer-Buddhismus : Enso

Der Buddhismus - eine Religion ohne Seele?

Betrachtungen zur buddhistischen Anatta-Lehre
von Herbert Becker

Anatta , dieses Wort aus der altindischen Palisprache übersetzte der aus Deutschland stammende buddhistische Mönch und Gelehrte Nyanatiloka in seinem Buddhistischen Wörterbuch als  Nicht- Selbst oder Nicht-Ich.(1) Die Lehre von Anatta sei, so hob Nyanatiloka dort nachdrücklich hervor, “die Kernlehre des ganzen Buddhismus, ohne deren Verständnis eine wirkliche Kenntnis des Buddhismus schlechterdings unmöglich ist”. Sie sei “die einzige wirklich spezifische buddhistische Lehre, mit der das ganze Lehrgebäude steht oder fällt”. Diese hiernach überaus bedeutsame buddhistische Anatta-Lehre besage, wie Nyanatiloka erklärte, “dass es weder innerhalb noch außerhalb der körperlichen Daseinserscheinungen irgend etwas gibt, das man im höchsten Sinne als eine für sich bestehende unabhängige Ich- Wesenheit oder Persönlichkeit bezeichnen könne”. Folgt man dieser Erklärung, dann liegt der Gedanke nahe, dass der Buddhismus eine Religion (wenn man ihn dann überhaupt noch solche bezeichnen darf) ohne Seele ist.

Beschränkt man sich bei dieser Frage nicht auf die Antwort Nyanatilokas, sondern forscht man weiter in der dazu höchst umfangreichen buddhistischen Literatur, so stößt man auf eine Vielzahl anderer, mitunter sehr abweichender, ja sogar gegensätzlicher Antworten. Um eine eigene Antwort zu finden, scheint es ratsam zu sein, weniger von der späteren Kommentarliteratur einzelner buddhistischer Rich- tungen als vielmehr vom Ursprung auszugehen, und das sind die Aussagen des Buddha, wie sie in den Pali-Schriften überliefert sind.

Wenn der Buddha selbst, wie im Lexikon der östlichen Weisheitslehren festgestellt wird, “zu der Frage, ob ein Selbst existiere oder nicht, nie eindeutig Stellung bezogen (hatte), um keine neuen Vorstellungen, die für eine spirituelle Praxis irrelevant und hinderlich sind, aufkommen zu lassen”(2), so dürfte die Antwort nur indirekt, d. h. durch Schlussfolgerungen, und daher nicht mit voller Sicherheit herzuleiten sein. Dennoch hatten sich in den Jahrhunderten nach Buddha immer stärker buddhistische Richtungen herausgebildet, welche die Existenz eines Selbst entschie- den leugneten und dabei sogar bis zu einer schon als nihilistisch zu bezeichnenden  Deutung der Anatta-Lehre gingen. Bereits zu Zeiten des Buddha gab es hierzu Fragen, die den Buddha veranlassten, sich zu äußern:

Der Asket Vatsagotra fragte den Erhabenen: “Gibt es ein Selbst?” Der Erhabene aber schwieg. “Oder gibt es kein Selbst?” Und der Erhabene schwieg abermals. Da ging Vatsagotra von dannen. Der Jünger Ananda aber fragte den Erhabenen, warum er die Frage des Asketen nicht beantwortet habe. “Hätte ich, lieber Ananda, gesagt: ´Es gibt ein Selbst`, so wäre ich mit den Vertretern der ´Ewigkeitslehre` einer Meinung gewesen; hätte ich  gesagt: ´Es gibt kein Selbst`, so wäre ich mit den Vertretern der `Vernichtungslehre` einer Meinung gewesen. Hätte ich gesagt: ´Es gibt ein Selbst´, so hätte meine Antwort nicht der Erkenntnis entsprochen: ´Alle Dinge  (dharma) sind ohne Selbst`; hätte ich aber gesagt: ´Es gibt kein Selbst`, so wäre der verblendete Vatsagotra noch verblendeter geworden und hätte gedacht: ´Früher hatte ich ein Selbst, jetzt aber habe ich keines mehr`.”(3)

Der Erhabene nahm ein Klümpchen Kuhmist in die Hand und sagte. “Wenn es auch nur so wenig Selbsthaftigkeit gäbe, die unvergänglich, beständig, ewig, unveränderlich wäre und ewiglich so bliebe, so würde die Führung eines heiligen Wandels  für die Vernichtung des Leidens nicht möglich sein. Weil es dies aber  nicht gibt, ist die Führung des heiligen Wandels möglich.(4)

Gerade aus der zuletzt zitierten Aussage des Buddha geht nicht eindeutig hervor, dass der Buddha ein Selbst schlechthin bestritten hätte, sondern er verneinte nur die Existenz eines ewigen und unveränderlichen Selbst. Ohne dessen Veränder- lichkeit gäbe es keine Heil, keine Erlösung vom Leid. Auch hieran zeigt sich, wie sehr die Anatta-Lehre mit dem buddhistischen Heilsweg verbunden ist.

Auf diesem Heilsweg ist das Mitleid (karuna)  von besonderer Bedeutung. Es gehört zu den “vier göttlichen Zuständen” (brahmavihara). Deshalb dürfte es kaum nachzuvollziehen sein, wenn es im Visuddhi-Magga, einem im 5. Jh., also etwa ein Jahrtausend nach Buddha, verfasstem Werk heißt: Das Leiden gibt es, doch kein Leidender ist da. Die Taten gibt es, doch kein Täter findet sich.(5) Es stellt sich die Frage: Empfiehlt der Buddhismus ein Mitleid, bei dem es niemanden gibt, der leidet? Muss nicht Mitleid immer mit der Vorstellung von einem Leidenden verbunden sein?

Wenn es aber, wie oben zitiert, zwar Taten,  doch kein Täter geben soll, wie ist das mit der buddhistischen Karma-Lehre vereinbar?  Wie ist es möglich, dass moralisch gute oder schlechte Taten sich  beim Täter (den es laut obiger Aussage eigentlich überhaupt nicht geben soll) in diesem gegenwärtigen oder in einem (nach Wiedergeburt) künftigen Leben auswirken sollen? Abgesehen davon, kann es ohne die Existenz einer Persönlichkeit keine persönliche Verantwortung für eine Tat geben.

Ebenso unverständlich ist für mich die Aussage im Visuddhi-Magga: Erlösung gibt es, doch nicht den erlösten Mann.(6) Hingegen wird im Sutta-Nipata, das weit älter als der Visuddhi-Magga ist und als heilige Schrift des Buddhismus gilt, zum Nirwana, also zur Erlösung, erklärt:

Den, der zur Ruhe ging, kein Maß ermisst ihn,
von ihm zu sprechen gibt es keine Worte;
verweht ist, was das Denken könnt´ erfassen
,
so ist der Rede jeder Pfad verschlossen.
(7)

  Dieses Zitat setzt, wie ich meine, geradezu voraus, dass es einen Erlösten gibt und ist daher mit einer nihilistischen Interpretation der Anatta-Lehre nicht zu vereinbaren.  Im übrigen scheint es mir besonders im Hinblick auf die Ausdeutung der Anatta-Lehre angebracht, an die Mahnung des Buddha zu erinnern: Darum möget ihr das, was ich erklärt habe, als erklärt, das aber, was ich nicht erklärt habe, als nicht erklärt hinnehmen. Und warum habe ich es nicht erklärt? Weil es nicht zum heiligen Wandel gehört und nicht zur Weltentsagung, zur Leidenschaftslosigkeit, zum Nirwana führt.(8)

Die Anatta-Lehre ist ein Beispiel dafür, dass das vom Buddha Unerklärte unerklärt bleiben sollte. Denn über das Buddha-Wort hinausgehende Kommentare könnten die Buddha-Lehre als das deuten, was sie keineswegs ist, nämlich Nihilismus im Sinne der absoluten Verneinung oder, wie es der Buddha im obigen Zitat nannte, eine “Vernichtungslehre”. Die durchaus hoffnungsvolle und ermutigende Lehre des Buddha könnte sich so zu einer Lehre der Trostlosigkeit verwandeln. Deshalb wäre es weise, dort, wo der Buddha geschwiegen hatte, ebenfalls - zu schweigen.
                                                                                                                  Herbert Becker

Anmerkungen
(1) Vgl. hierzu und dem Folgenden: Nyanatiloka, Buddhistisches Wörterbuch, 2. rev. Aufl.,
      Konstanz 1976, Stichwort Anatta, S. 24 f.
(2) Lexikon der östlichen Weisheitslehren, Bern/München/Wien 1986, Stichwort Anatman, S.15.
      Zum Schweigen des Buddha hinsichtlich der Frage, ob “das Ich ist”, sei auf die Ausführungen
      von Hermann Oldenberg in seinem fast schon als Klassiker geltenden Buch ”Buddha”
      (o. Ort und Jahr, S. 288 f.) hingewiesen.
(3) Samyutta-Nikaya 44,10, zit. nach Helmuth von Glasenapp, Pfad zur Erleuchtung,
     Düsseldorf/Köln 1974, S.76 f.
(4) Samyutta-Nikaya 22,96,16, zit. nach Helmuth von Glasenapp, a. a. O., S, 77.
(5) Nyanatiloka, a. a. O., S. 25.
      Diese im Visuddhi-Magga, der zur späteren Kommentarliteratur gehört, vertretene
      Auffassung, steht m. E. im offenkundigen Gegensatz zur Lehrrede des Buddha
      Die Last und der Lastträger, denn in ihr sprach der Buddha: Die Last, ihr Mönche,
      will ich euch zeigen und den Lastträger und das Aufnehmen der Last und das
      Abnehmen der Last ... Die Last nenn´ ich die fünf Gruppen
(des Ergreifens),
     
Lastträger die Persönlichkeit; Leiden: die Last sich aufladen; Die Last ablegen:
      Seligkeit.
(Die Reden des Buddha in der Übersetzung von Hermann Oldenberg, neu
      gesetzte und erw. Ausgabe, Wiesbaden 2006, S. 204 f. Oldenberg, der laut dieser
      Ausgabe “als Begründer der modernen “Buddhismusforschung” gilt, wies darauf hin,
      dass diese Lehrrede des Buddha von “eigenartiger Bedeutung” sei, weil es hiernach
      auch einen “ ´Lastträger`, die Person oder das Subjekt” gäbe.)  
(6) Nyanatiloka, a. a. O., S. 25.
(7) Sutta-Nipata 1076, zit. nach Friedrich Heiler, Die Religionen der Menschheit,
     Stuttgart 1980, S. 181.
     In gleichem Sinne: Samyutta-Nikaya 35, 83 und 44,1,29 f.  (s. Helmuth von Glasenapp,
     Die Weisheit des Buddha, Wiesbaden o. J. , S. 151 f.).
(8) Majjhima-Nikaya  63, zit. nach Helmuth von Glasenapp, Pfad zur Erleuchtung,
     a. a. O., S. 69.

S. auch > Arthur Schopenhauer : Wer bin ich? Das geheimnisvolle Ich und das wahre Selbst.