Schopenhauer-Buddhismus : Enso
Schopenhauer und Buddhismus

Die Vier Edlen Wahrheiten des Buddha

I . Alles Dasein ist leidhaft ( dukkha ), unbefriedigend und unzulänglich, weil es dem Wechsel der Veränderung unterliegt. Alle Wesen streben mit ihrem Ins-Dasein-Treten nach Bedürfnisbefriedigung, können dabei jedoch ihre jeweiligen und zahlreichen Wünsche nicht restlos  befriedigen, da mit der Absättigung eines Bedürfnisses im allgemeinen sofort ein neues entsteht. Leben ist ein Fließprozeß, der keine wirkliche Sicherheit zu bieten vermag. Das Dasein ist vielmehr geprägt durch Unsicherheiten bzw. durch solche unbefriedigenden Zustände wie Kummer, Sorge, Klage, Schmerz, Trübsal, Verzweiflung, Hunger, Arbeitslosigkeit, Krieg, Naturkatastrophen, Geburt (Austreten aus der Geborgenheit des Mutterleibes), Krankheit, Altern und Sterben. Natürlich gibt es auch Zustände wie Freude oder Glück, jedoch unterliegen auch sie der Veränderung.

II. Leiden entsteht durch Begehren ( tanha ), durch den mit geistiger Blindheit behafteten Drang oder Trieb nach Leben, nach sinnlicher Befriedigung, nach Selbstpeinigung oder Selbstvernichtung. Diese geistige Blindheit bezüglich der wahren Natur der Erscheinungen hält das Begehren ( Gier, Wahn und Haß - die unheilsamen Tendenzen) nach den vergänglichen Gebilden aufrecht, wobei alle willent- lichen Aktivitäten ( kamma ) in Gedanken, Worten und Taten Wirkungen hervorbringen bzw. im Geist Programme erzeugen oder solche durch Wiederholung verstärken. Man programmiert sich also selbst, wobei die Programme die Grundlage dafür bilden, wie die Welt in Zukunft erlebt wird bzw. wie der Wiedergeburtsprozeß verläuft. Wer das Begehren nicht restlos überwunden hat, wird unmittelbar dort wiedererscheinen bzw. wiedergeboren werden, wo er seinen Anlagen, seinen Neigungen nach hinpaßt.

III. Durch das Aufheben des Begehrens kommt alles Leid zum Erlöschen ( nibbana ), findet der Wiedergeburtsprozeß ein Ende. Wer diesen Zustand völliger  geistiger Reinheit und Klarheit verwirk- licht hat, wird als “ Erleuchteter “ oder als “ Heiliger “ bezeichnet, und zwar weil er heil geworden, geistig völlig gesund geworden ist und die Daseinsgebilde der Wirklichkeit gemäß klar und deutlich erlebt.

IV. Dies ist der zur Leiderlöschung führende Edle Achtfache Pfad ( magga ). Er enthält die Übungsanweisungen für den zur Leidbefreiung notwendigen Lern- und Umdenkprozeß.

1. Rechte Erkenntnis. Das ist das Durchdringen der Vier Edlen Wahrheiten bzw, die Erkennt- nis der wahren Natur der Daseinserscheinungen. Der Edle Achtfache Pfad beginnt deshalb mit Rechter Erkenntnis, weil Wissen und richtiges Einschätzen von Erfahrungen von Anfang an nötig sind, um sich der Wirklichkeit gemäß zu verhalten. Zur Rechten Erkenntnis muß dann aber die Rechte Gesinnung hinzukommen, wenn diese vorläufige Erkenntnis (intellektuelles Akzeptieren der Vier Edlen Wahrheiten) auch wirklich praktisch angewandt werden soll.

2. Rechte Gesinnung. Das ist die entsagende, haßlose, friedfertige Gesinnung, welche durch tiefes Nachdenken über die Lehrinhalte sowie durch die Entfaltung allumfassender Liebe-Güte, von Mitgefühl, Freude und Gleichmut gefördert wird.

3. Rechte Rede. Das ist das Vermeiden von Lüge, übler Nachrede, von roher Rede und törichter Rede (Schwätzerei).

4. Rechte Tat. Das ist das Vermeiden von Töten oder Verletzen ( Tiere, auch niedere Organis- men, einbegriffen), von Stehlen, sowie von falschem Verhalten hinsichtlich sinnlicher Genüsse (z. B. keine Rauschmittel nehmen, nicht ehebrechen etc.).

5. Rechter Lebenserwerb. Das ist die Ausübung einer Tätigkeit, durch die andere Wesen keinen Schaden erleiden.

6. Rechte Anstrengung. Das ist die Anstrengung, unheilsame, üble Dinge zu vermeiden und       zu überwinden und heilsame Dinge zu erwecken und zu erhalten.

7. Rechte Achtsamkeit. Das ist das aufmerksame und achtsame Betrachten der hier und jetzt ablaufenden körperlichen und geistigen Vorgänge.

8. Rechtes Sich-Versenken. Das ist das achtsame und bewußte Gerichtetsein des Geistes auf ein Objekt bzw. die durch den Eintritt in die Vertiefungen erreichte sogenannte Einspitzigkeit des Geistes. Das Sich-Versenken ist ein Bestandteil der Geistesentfaltung ( > Meditation / Versenkung ), der methodischen geistigen Schulung und Entwicklung.

Der Achtfache Pfad wird in drei Abschnitte unterteilt, nämlich in Sittlichkeit (3 - 5),  Sammlung (5 - 8) und Wissen (1-2).

* Mögen alle Wesen glücklich sein ! *

 

Anm.:
Obige Darstellung beruht auf einem Informationsblatt, das ich als Kurzübersicht für meine ( Herbert Becker ) einführenden Vorträge zur Lehre des Buddha im  Buddhistischen Haus , Berlin - Frohnau, verwendet hatte. Da Das Buddhistische Haus eine der ältesten und wichtigsten Stätten des > Theravada - Buddhismus in Deutschland ist, kann obige Darstellung als repräsentativ für diese Richtung des Buddhismus gelten.  

Das Buddhistische Haus in Frohnau und Heidemarie Becker

Das Buddhistische Haus , Frohnau 1979 ( Foto: Herbert Becker )

Weiteres zum Buddhistischen Haus  1   >  2

Bereits der Weg zum Buddhistischen Haus, das auf einer kleinen Anhöhe gelegen ist, ist ein Symbol für den Edlen Achtfachen Pfad : “Die 73 Stufen, die zum Buddhistischen Haus hinaufführen, sind in acht Absätze unterteilt. Hierdurch wird der Edle Achtfache Pfad symbolisiert. Das ist der Weg, den der Buddha zur Erlösung vom Leid der Vergänglichkeit, das mit jedem Dasein verbunden ist, lehrte. Seine acht Teile sind: rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung, rechte Rede, rechte Tat, rechter Lebensunterhalt, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte geistige Sammlung. Die darin enthaltenen ethischen Verhaltensregeln entsprechen weitgehend denen in anderen Weltreligionen, wobei jedoch nach buddhistischer Ethik grundsätzlich alles Leben, also auch das der Tiere, zu achten und zu schützen ist.

Der Edle Achtfache Pfad ist in der ältesten  Spruchsammlung von buddhistischen Weisheiten so zusammengefasst:

Vermeide jede böse Tat,
Vermehre guter Werke Saat,
Beständig läutere den Geist,
Das ist der Weg, den Buddha weist.

(Aus: Herbert Becker, Das Buddhistische Haus in Frohnau, in: Gartenstadt Frohnau von b + r Hildebrandt und Christiane Knop, Berlin 1985, S. 111.)
                                                                                                  hb