Schopenhauer-Buddhismus : Enso
Schopenhauer und Buddhismus

Vesakh ( Wesak )

Rundfunkansprache zum buddhistischen Vesakh-Fest von Herbert Becker

Vesakh , oft auch Wesak geschrieben, ist im > Buddhismus , und dort vor allem in der Tradition des > Theravada , ein hoher Festtag. An jedem  ersten Vollmondtag des Monats Mai erinnern die Buddhisten durch ihr Vesakh-Fest daran, dass an einem solchen Tag  der Buddha geboren, erleuchtet und schließlich in das Nirwana einging. Aus diesem Anlass hielt Herbert Becker (> HB ) vom Arbeitskreis Schopenhauer und Buddhismus eine Ansprache, die als Morgenandacht der Buddhistischen Gemeinde am 21. Mai 1989 vom damaligen Berliner Sender RIAS 1 ( jetzt Deutschlandradio Kultur ) ausgestrahlt wurde.

Vesakh ist ein Tag des Gedenkens, der Besinnung, und so hieß das Thema dieser Rundfunkansprache Mensch - besinne dich! Der Text wurde danach in YANA - Zeitschrift für Buddhismus und religiöse Kultur auf buddhistischer Grundlage - veröffentlicht. Da das von der > Altbuddhistischen Gemeinde herausgegebene YANA-Heft (4/1989) inzwischen schwer erhältlich ist, hat sich der Arbeitskreis entschlossen, den Text der Ansprache hier (auf 3 Seiten) zu veröffentlichen:

Wie herrlich leuchtet mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen aus dem Gesträuch.

Und Freud und Wonne aus jeder Brust,
O Erd, o Sonne! o Glück, o Lust!

Mit diesen Versen begrüßte Johann Wolfgang von Goethe den Monat Mai. Es war die Freude über den Frühling, über die sich entfaltende Natur, die Goethe vor etwa 200 Jahren in seinem Maienlied so eindrucksvolle, einfühlsame Worte finden ließ. Diese Worte stimmen uns auf den Frühling ein, auf das Erleben der Natur, welches den Menschen bis in sein Innerstes mit neuer Lebenskraft und Freude zu erfüllen vermag. Solche beglückenden Begegnungen mit der Natur sind jedoch in unserer Zeit zunehmend schwieriger geworden. Denn wer kann sich heutzutage noch ungetrübt an der Natur erfreuen angesichts von Betonlandschaften und Autokolonnen, von Luftverschmutzung, vergifteten Böden und Gewässern, von sterbenden Wäldern?

Kürzlich las ich den Leserbrief eines 15jährigen Schülers, der folgendes schrieb: “Warum das Gerede über den Krieg? Schaut euch doch um, wir kriegen unsere Erde auch so kaputt!" Wie dieser Schüler, so denken sicher viele von uns, Stolz über den erreichten Fortschritt von Wissenschaft und Technik, Zufriedenheit über die Errungen- schaften unserer Zivilisation werden immer seltener geäußert. Im Gegenteil, Angst greift um sich - Angst vor einer Entwicklung, die sich mit großen Schritten der Katastrophe nähert. Wir alle wissen: so darf es nicht weitergehen! Aber wie soll es weitergehen? Kann das Unheil noch aufgehalten werden? Das sind Fragen, die wohl jeden von uns bewegen. Von Besuchern des Buddhistischen Hauses in Berlin-Frohnau, besonders von jungen Menschen, werde ich daher oft gefragt, welche Lösungen der Buddhismus für die existenziellen Probleme unserer Zeit anzubieten hat.

Buddha lehrte, dass das Begehren die Wurzel allen Übels ist. Es äußert sich in allen Lebensbereichen. Der Kampf um Einfluss und Macht ist ebenso Ausdruck von Begehren wie das Streben nach größerem Wohlstand oder die Gier nach wirtschaftli- chem Profit. Vor einiger Zeit wurde der Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz gefragt, wie er die intensive Massentierhaltung beurteile. Seine Antwort: Zum Zwecke des finanziellen Gewinns ist sie (die Massentierhaltung) zweifelsohne eines der dunkelsten, schandhaftesten Kapitel der menschlichen Kultur. Wenn Sie jemals vor einer Tiermastanstalt gestanden und gehört haben, wie Hunderte von Kälbern schreien, wenn Sie den Notruf des Kalbes verstehen, dann haben Sie genug von dem Menschen, der daraus Gewinn zieht.

Die Empörung von Konrad Lorenz ist durchaus verständlich. Aber sollten wir deshalb einen Menschen aufgeben? Wäre es nicht eher angebracht, auf das Fleischessen zu verzichten? Viele von denen, welche mit Recht die Massentierhaltung ablehnen, ver- drängen die Tatsache, dass ihre Nachfrage, dass ihr Begehren nach Fleisch mit zu dieser Tierquälerei beiträgt.

Unsere Wünsche, sagt eine chinesische Weisheit, sind wie kleine Kinder, je mehr man ihnen nachgibt, um so anspruchsvoller werden sie. Was für den einzelnen im Kleinen gilt, trifft auch für die Gesellschaft im Großen zu. Hier wie dort wachsen die Ansprüche. So wird das Begehren zu einer mächtigen Triebkraft für alle wirtschaftlichen Aktivitäten und damit auch zur eigentlichen Ursache für die hemmungslose Ausbeutung und Vergewaltigung der Natur. Nicht selten hört man hierzu als Rechtfertigung, dass der Mensch das ,,Maß aller Dinge", die ,,Krone der Schöpfung" sei. Deshalb könne er die Natur ganz nach seinen Bedürfnissen nutzen und sich dementsprechend über die Lebensrechte nichtmenschlicher Wesen hinwegsetzen. Der Buddhismus teilt diese Mei- nung nicht.

Aus buddhistischer Sicht ist der Mensch nicht Herrscher über die Natur, sondern ein Teil von ihr. Sein Verhältnis zur Natur ist vielleicht mit einem Baum zu vergleichen, dessen Krone der Mensch ist. Der Baum kann ohne seine Krone existieren. Stirbt aber die Wurzel, so ist der Baum und mit ihm die Krone nicht mehr lebensfähig. Zwischen Mensch, Tier und Pflanze besteht ein innerer Zusammenhang. Das, was alles mit allem verbindet, wird im > Zen-Buddhismus durch ein Gleichnis angedeutet:

Ein und derselbe Mond spiegelt sich in allen Wassern.
Alle Monde im Wasser sind eins in dem einen einzigen Mond.

Der tiefere Sinn dieses Bildes kann nicht mit Worten erklärt, sondern nur meditativ erfahren werden.
                                                                                                       > Fortsetzung (2)