Schopenhauer-Buddhismus : Enso
Schopenhauer und Buddhismus

Zen : Die Lehre des Nicht-Lehrbaren

Bereits die obige Überschrift soll auf etwas hindeuten, was für Zen kennzeichend ist - Aussagen, die der Logik widersprechen. “Nicht-Lehrbar” bedeutet hier, daß es beim Zen nicht um irgendwelches Wissen geht, das mit herkömmlichen Methoden, gleichsam wie in einer Schule, vermittelt werden kann. Unserem Erkenntnisvermögen durch begriffliches Denken sind enge Grenzen gesetzt. Wenn wir Begriffe bilden, so greifen wir in unserem Denken Teile aus seiner Gesamtheit heraus. Wenn jedoch die Ganzheit mehr als die Summe ihrer Teile ist, dann können wir allenfalls ihre Teile, nicht aber die Ganzheit selbst verstehen. Begriffliches Denken kann deshalb - wenn überhaupt - nur zu Teilwahrheiten führen. Ein ganzheitliches Erkennen unserer Welt ist so nicht möglich.

Die Mystiker aller Zeiten wußten das. So hatte einer der tiefsten deutschen Mystiker, Jakob Böhme, in seinen Schriften mehrmals betont, daß er zu seinen Erkenntnissen “wider aller Vernunft” gekommen sei:

“Denn nicht durch unsere scharfe Vernunft und Forschen erlangen wir den wahren Grund göttlicher Erkenntnis”.      
( Jakob Böhme, Theosophische Sendbriefe 55, 4 und 8)

Fast 200 Jahre nach Jakob Böhme hatte der von Schopenhauer hochverehrte Immanuel Kant in seinem bahnbrechenden Werk “Kritik der reinen Vernunft” nachgewiesen, daß metaphysische Erkenntnisse allein durch Vernunft nicht möglich sind. Vernunftmäßiges Denken kann bestimmte Grenzen der Erkenntnis nicht überschreiten. Eine solche Grenzüberschreitung, die unendlich weit über das hinausgeht, was bloße Rationalisten sich vorstellen können, erfolgt im Zen. Zunächst aber muß der Übende ein hohes Hindernis überwinden, nämlich das im Alltagsleben sonst sehr nützliche begriffliche logische (diskursive) Denken. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, daß der Geist durch Paradoxien, durch logisch widersprüchliche, dem “normalen” Denken unsinnig erscheinende Aussagen auf neue Wege geführt wird und sich ihm so völlig neue Erkenntnisbereiche öffnen.    

Eugen Herrigel, ehemals Kantianer und Professor für Philosophie in Japan, schrieb (in: Der Zen-Weg, 4. Aufl. 1958, S. 119) über die “Rolle des Denkens” im Zen: “Auch die kühnsten Konstruktionen können auf dem Wege des Denkens gerade das nicht ausfindig machen und postulieren, was nur auf dem Wege der originären mystischen Erfahrung geschenkt und unmittelbar verstanden wird. Erst nachträglich, erst im Anschluß an mystische Erfahrung bestreitet der Zen-Buddhismus dem Denken nicht die Möglichkeit, sich der mystischen Gehalte zu bemächtigen. Aber mit den Aussagen, die dabei herauskommen, kann doch nur der Erfahrene etwas anfangen ...”

   Worauf kommt es im Zen an?  Zen-Meister Sosan ( 6. Jh. n. Chr.):

     “ Selbst wenn unsere Worte genau
                   Und unsere Gedanken richtig sind,
                   Entsprechen sie doch nicht der Wahrheit.

         Wenn wir Sprache und Denken aufgeben,
                   Können wir über alles hinausgehen,
                   Wer Sprache und Denken nicht zurücklassen kann,
                   Wie kann der den WEG verstehen? “

( Shinjinmei, Gedichtsammlung von Meister Sosan, 1. Aufl. 1979, S. 48)

Wer die obigen Aussprüche des Meisters Sosan liest, kann sich nur wundern über die vielen Bücher, die seitdem über Zen geschrieben und über die unzähligen Worte, die zur Erklärung des Zen gebraucht wurden. Widerspricht das nicht dem Wesen des Zen, also dem, was die vielen Worte zu erklären versuchen? Nein, denn eine Erklärung dessen, was den Zen eigentlich ausmacht, ist stets nur der Finger, der auf den Mond deutet, aber nicht der Mond selbst.

Um an das andere Ufer eines Flusses zu gelangen, bedarf es einer Brücke oder eines Floßes. Die vielen wortreichen Predigten, mit denen der Buddha seine Lehre darlegte, sind eine solche Hilfe. Das gilt auch für die Philosophie Schopenhauers, denn durch sie haben viele Suchende den Weg zum Buddhismus gefunden. Die tiefe Mystik in Schopenhauers Philosophie ist zwar nicht mit Zen gleichzusetzen, aber sie kann durchaus eine Brücke zum Zen sein. Nicht ohne Grund besteht gerade in Japan ein besonders großes Interesse an Schopenhauer und seiner Philosophie.

Schopenhauer wußte, daß es eine Grenze gibt, wo - wie er es nannte - der “Illuminismus” beginnt und Bücher nichts mehr vermitteln können. Nach der Überlieferung des Zen hielt der Buddha eine Predigt, die seitdem als die tiefste aller seiner Predigten gilt: Damals soll der Buddha, als sich eine große Schar von Jüngern um ihn versammelt hatte, um eine Darlegung seiner Lehre zu hören, nur schweigend eine Blüte in die Höhe gehalten haben. Nur einer seiner Schüler, Kashyapa, verstand ihn und lächelte ...  Es war die erste Vermittlung der “wortlosen Lehre” des Zen, die Übertragung von Herz-Geist zu Herz-Geist (“Ishin-Denshin”).

Die Wurzeln des Zen liegen nicht nur im Buddhismus, sondern auch in der Mystik des Taoismus. Der Weg des Mahayana-Buddhismus von Indien nach Japan führte über China. Dort wurde er nachhaltig beeinflußt durch den Taoismus, und zwar durch dessen philosophisch-mystische Richtung, wie sie vor allem in den Schriften von Laotse ( “Tao te king”) und Dschuang Dsi  (“Das wahre Buch vom südlichen Blütenland”) überliefert ist. So wurde Zen ein Beispiel dafür, daß der Buddhismus bei seiner Begegnung mit anderen Kulturen diese nicht bekämpft, sondern das, was in ihnen spirituell wertvoll ist, in sich aufnimmt. Ein anderes Beispiel hierfür ist Tibet, wo sich der Buddhimus in eine Richtung entfaltete, die - im Vergleich zum Zen - weniger durch Mystik als durch Magie gekennzeichnet ist:  > Vajrayana.   
                                                                                                           H.B.

                                                          
Anm.: Nach dem obigen, vielleicht etwas anstrengendem Text folgen zur Auflockerung zwei kleine Erzählung aus dem Zen :
> “ Loslassen “

                                                                 > “ Gleichmut “

und schließlich zum Meditieren zwei Gleichnisse:   > “ Ein Mond “              

“Enso” - unser Symbol aus dem Zen

Zen und Schopenhauer über unsere Welt im Kopf