Schopenhauer-Buddhismus : Enso
Schopenhauer und Buddhismus

Vajrayana : Zurück zur Magie

“Vajra”  heißt wörtlich “Diamant”. Der Diamant ist ein Symbol für das Unzerstörbare, Unvergängliche, für makellose Reinheit und Durchsichtigkeit. Im Vajrayana-Buddhismus hat er noch eine tiefere symbolische Bedeutung, nämlich  die in der Erleuchtung erfahrene Einheit allen Seins - oder wie es im Zen genannt wird - der Leere (“Shunyata”). Somit könnte dieses Symbol auch für die Philosophie Schopenhauers gelten. Denn auch dort geht es letztlich um die Überwindung des “principium individuationis”- ein in uns von Geburt an wirksames Prinzip, wonach wir alles in unserer Welt nur als Vielheit, nicht aber als Einheit erkennen. Erst durch  mystisches “Schauen ” wird diese Barriere durchbrochen. 

Es dürfte verständlich sein, daß eine solche Lehre in ihrem Kern esoterisch ist und damit keine Volks-Religion sein kann. Dennoch konnte der Vajrayana-Buddhismus sich etwa seit der Mitte des 1. Jahrtausends in Indien entfalten. Der Grund hierfür war, daß er magische Praktiken aus dem Yoga und aus alten indischen, zum Teil vorbuddhistischen Natureligionen übernahm. Diese Entwicklung verstärkte sich noch, als der Buddhismus in Tibet von der weitgehend schamanistisch orientierten Bön-Religion nachhaltig beeinflußt wurde. So bildete sich in Tibet eine Religion heraus, bei der die Rückkehr zu vorbuddhi- stischen magischen Ritualen derart deutlich wurde, daß von ernsthaften Religionswissenschaftlern bezweifelt wird, ob es sich dabei noch um Buddhismus handelt.

Am Beispiel des Vajrayana bestätigt sich erneut, was sich in der Religionsgeschichte weltweit immer wieder zeigte: Esoterische, mystisch- philosophisch begründete Lehren können sich erst dann verbreiten, wenn sie mit magischen Ritualen verbunden werden. Magie und Ekstase sind seit grauer Vorzeit gemeinschaftliche Formen von  Religiösität. Mystik und Meditation hingegen sind auf nur Wenige beschränkt, die zumeist abseits der Gesellschaft stehen. Das Abgleiten des Taoismus von der Mystik des Laotse zu einer von Opferkult und anderen Ritualen beherrschten volkstümlichen Magie ist ein  Beispiel für eine solche Entwicklung.

Die Lehre des Buddha fand in Deutschland vor allem durch die Philosophie Schopenhauers Eingang. Heute hingegen steht mehr der tibetische “Buddhismus” im Vordergrund. Der Grund hierfür ist nicht allein die Persönlichkeit des Dalai-Lama, sondern auch die Art, in welcher sich dieser “Buddhismus” präsentiert. Es geht hier weniger um Philosophie als vielmehr um Religion, um “Metaphysik fürs Volk” ( Schopenhauer). Dennoch kann die Begegnung mit der tibetischen Religion sehr wertvoll sein, weil sie neben ihren Ritualen und anderen magischen Praktiken auch Möglichkeiten bietet, spirituellen Zugang zum Buddhismus und zur Philosophie Schopenhauers zu finden.

 Übrigens, die Buddha-Statue, die Schopenhauer verehrte, war eine tibetische. 
                                                                                                              H.B.