Schopenhauer und Buddhismus
Buddha

Buddhas Gleichnis vom Elefanten

zu den zehn nicht beantworteten Fragen

Mit den Worten, Geöffnet sind die Tore des Unvergänglichen, für die, welche hören wollen, beschloss der Buddha zu verkünden, was er in seinem Erleuchtungserlebnis erfahren hatte.(1) Die dann von ihm verkündete Lehre war nicht geheim, denn, so sprach der Buddha, Ich habe die Lehre dargelegt, ohne ein Innen und Außen [eine geheime und offene Lehre] zu unterscheiden; der Vollendete hat bei seinen Unterweisungen nicht eine geschlossene Hand wie andere Meister.(2) Somit steht in dieser Hinsicht die buddhistische Lehre im Gegensatz zu den Upanishaden, die damals nur einem kleinen Kreis von Auserwählten zugänglich waren.

Da sich seine Lehre an alle richtete, welche hören wollen, legte der Buddha großen Wert darauf, dass möglichst viele seiner Zuhörer seine Worte nicht nur hören, sondern auch verstehen können. So erläuterte er oft schwierige Fragen mit lebensnahen Gleichnissen. Ein solches Gleichnis ist das zu den zehn nicht beantworteten Fragen:

Einige Asketen und Brahmanen sagen: „ewig ist die Welt“, andere „nicht ewig ist die Welt“; einige „endlich ist die Welt“, einige “nicht endlich ist die Welt”; einige „das Lebensprinzip und der Leib sind dasselbe“, andere “etwas anderes ist das Lebensprinzip, etwas anderes der Leib“; einige „ein Vollendeter ist nach dem Tode“, andere „er ist nicht nach demTode“ oder »er ist und ist nicht nach dem Tode“, oder „er ist weder noch ist er nicht nach dem Tode“. Und diese streitsüchtigen Leute gehen mit dem Speer ihrer Worte aufeinander los, und jeder sagt von seiner Ansicht, „dies ist wahr, alle andere ist Unsinn“. Diese Asketen der anderen Sekten sind blind und haben keine Augen. Sie kennen nicht den wahren Sachverhalt.

Einstmals war in Shrâvasti ein gewisser König. Der gebot seinem Diener: „Lasse alle Blindgeborenen der Stadt an einem Orte zusammen- kommen.“ Als das geschehen war, ließ er den Blindgeborenen einen Elefanten vorführen; die einen ließ er den Kopf betasten, mit den Worten: „So ist ein Elefant“, andere das Ohr oder den Stoßzahn, den Rüssel, den Rumpf, den Fuß, das Hinterteil, den Schwanz, die Schwanzhaare. Dann fragte er: „Wie ist ein Elefant beschaffen?“ Da sagten die, welche den Kopf betastet hatten: „Er ist wie ein Topf“, die das Ohr betastet hatten, „wie ein geflochtener Korb zum Schwingen des Getreides“, die den Stoßzahn betastet hatten, „wie eine Pflugschar“, die den Rüssel betastet hatten, „wie eine Pflugstange“, die den Rumpf betastet hatten, „wie ein Speicher“, die den Fuß betastet hatten, „wie ein Pfeiler“, die das Hinterteil betastet hatten, “wie ein Mörser”, die den Schwanz betastet hatten, „wie eine Mörserkeule“, die die Schwanzhaare betastet hatten, „wie ein Besen“. Und mit dem Rufe: „Der Elefant ist so und nicht so“, schlugen sie sich gegenseitig mit den Fäusten, zum Ergötzen des Königs.

            Stets streiten sich Brahmanen und Asketen;
            Die diese, jene Lehrmeinung vertreten,
            Sie bleiben unbeirrt auf einem Standpunkt stehn,
           Weil sie nur einen Teil der Wahrheit sehn.(3)

Anmerkungen
(1) Majjhima-Nikaya 26 I p. 168 (Pali Text Society), zit aus: Pfad zur Erleuchtung,
      Buddhistische Grundtexte, übers. und hrsg. von Helmuth von Glasenapp,
      Eugen Diederichs Verlag: Düsseldorf/Köln 1974, S. 56.
(2  Digha-Nikaya 16, 2, 25 (Pali Text Society), zit aus: Pfad, a. a. O., S. 57.
(3) Udana 6, 4 (Pali Text Society), zit. aus: Pfad, a. a. O., S. 67.

 

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